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 (Auszug aus dem in Bälde erscheinenden Buches „Zwiespältig I “)

Ein riskantes Pokerspiel am Rande des Abgrunds

Noch mehr ins Staunen geriet Alwin, wenn sein Vater im Familienkreis immer Mal wieder eine Episode zum Besten gab, die sich kurz vor seinem Wechsel zur Verkehrspolizei 1948 vor der sowjetischen Kommandantur in Karlshorst abgespielt hatte und bei der er nach Kriegsende ein zweites Mal nur um Haaresbreite der Grube entkommen war. Eines Tages wurde er nämlich beim Betreten des Kommandanturgebäudes unfreiwilliger Augenzeuge, wie ein sowjetischer Offizier gerade einem russischen Muschik einen kräftigen Tritt in den Hintern verpasste.

Der Gewalt vor allem gegen Wehrlose ablehnende Vater wandte sich daraufhin im Vorbeigehen an den Offizier auf Russisch radebrechend mit den Worten: „Nu schto, eto Komsomol?“ (Nun was, ist das ein Jungkommunist?), worauf der Offizier seine Pistole zog und mit ihr drohend vor der Nase des so frech Fragenden herumfuchtelte. Eine solche Provokation hätte noch zwei Jahre zuvor das Leben kosten können, jetzt brachte sie nur bösartige Beschimpfungen und Bedrohungen ein. Diesen Übermut erklärte Alwins Vater mit seiner Abneigung gegen jedwede Form von Ungerechtigkeit und Entwürdigung. So etwas ging ihm gegen den Strich

Als kleiner Junge verstand Alwin diese und die Geschichte von dem Fahrradklau nicht so recht, weil in seinen Augen und nach dem, was er vom Vater so hörte, alle sowjetischen Freunde Helden waren, die niemals nichts falsch machen konnten. Später erfüllte ihn diese Episode wie auch die anderen aus der Vorkriegs- und Kriegszeit mit einigem Stolz auf den Mut des Vaters und dessen Standfestigkeit in menschlichen Dingen. Daran lohnte es sich, ein Beispiel zu nehmen.

Als die Arbeit für die Denkmalsbaugesellschaft ausging, stand nun auch Alwins Vater laut eigener schreibkünstlerisch reifer Worte vor der Wahl, etwas anderes zu beginnen und auch weiterhin durch aktiven Erwerbsarbeitsfleiß hervorzustechen oder durch damals übliches schwarzmarktlerisches Händlertum sein Leben zu fristen, wie das unzählige seiner Landsleute durch die misslichen Nachkriegsunbilden gezwungenermaßen taten. Da gab es seinerzeit nur begrenzte Möglichkeiten.


Bildquelle 1: Bis zur Währungsreform blühte der Schwarzmarkt besonders am Potsdamer Platz, wo der amerikanische (Kreuzberg) und britische Sektor (Tiergarten) auf den sowjetischen (Mitte) stießen.

Bildquelle 2: Im sowjetischen Sektor verteilte die dort zuständige Volkspolizei die auf den Schwarzmärkten beschlagnahmten Waren und Güter vielfältiger Art wie hier in Weißensee an die Konsumverkaufsstellen für den regulären Verkauf.

 

 

Um die gleiche Zeit vollzogen sich allerdings nunmehr auch in Berlin von ihm schon anderswo kurz angedeutete dramatische Ereignisse, in deren Strudel er weniger wirklich gewollt als mehr schicksalhaft so hineingeriet und der ihn innerhalb von nur wenigen Wochen als ein für den öffentlichen Verkehr zuständigen Ostberliner Volkspolizisten wieder an die Oberfläche, das heißt auf die Straßen und Plätze des östlichen Teils seiner Heimatstadt beförderte.

Während bis zu diesem Punkt der im Westen als Fensterputzer arbeitende Onkel und der bei der Volkspolizei arbeitende Vater von Alwin mehr oder weniger unwidersprochen einander zuhörten, gab es über die nachfolgenden Ereignisse zwischen beiden nicht selten unterschiedlichen Sichtweisen.

Erfuhr er doch dadurch einiges mehr von den Gründen, warum es zur schwer verständlichen Zweigespaltenheit seiner Heimatstadt kam und weshalb die Menschen nur um Haaresbreite an einem neuen Weltenbrand vorbeigeschlittert waren. Von seinem Vater wusste er, dass er als ordentlicher Einheitssozialist normalerweise das SED-Zentralorgan Neues Deutschland las, was er auch in dieser Zeit schon tat.

Wenn in diesen Schicksalstagen die dortige Stellensuche nichts brachte, griff der Vater auch schon mal zu der von einer seiner Schwestern ausgetragenen, westlich orientierten Tageszeitung Telegraf, weil dort mehr Stellenanzeigen drin standen. Ein Vorgang, der für den im Westen arbeitenden Schwager ganz normal war, von dem jedoch, wie der an dieser Stelle immer hervorhob, die Bewohner in der umliegenden Sowjetischen Besatzungszone nur träumen konnten.

Dort wäre jemand, der versucht hätte, westlich beeinflusste Presseerzeugnisse zu verbreiten, Gefahr gelaufen, gemäß eines entsprechenden Kontrollratsgesetzes wegen antisowjetischer Propaganda in eines der umfunktionierten Konzentrationslager zu landen, die den Sowjets nicht mehr nur als Internierungsstätten für ehemalige Nazischergen, sondern zunehmend auch für anderswo schon erwähnte missliebige Widerspruchsgeister dienten. Dass die Schwester von Alwins Vater im sowjetischen Sektor Berlins bis zu diesem Zeitpunkt nichtkommunistische Zeitungen völlig legal und öffentlich austrug, lag an dem vom Bohnsdorfer Onkel immer wieder mit besonderem Eifer hervorgehobenen Vier-Mächte-Status der Stadt. Beide erinnerten in diesem Zusammenhang noch übereinstimmend an die politischen Machtverhältnisse, die sich in Berlin zwischen 1946 und 1948 anders entwickelt hatten als in der übrigen Sowjetischen Besatzungszone. Dort war es den Einheitssozialisten wegen des dortigen Wegfalls der SPD gelungen, überall bei den Oktoberwahlen von 1946 Mehrheiten zu erringen und deshalb die Regierungen der ostzonalen Länder anzuführen.


Bildquelle 3: Die SED hatte bei den Oktoberwahlen 1946 in der Vier-Sektoren-Stadt Berlin die absolute und relative Mehrheit verfehlt, so dass eine Magistratskoalition aus CDU und SPD gebildet wurde. Die SPD bestand in Groß Berlin anders als in der umliegenden Sowjetzone neben der SED fort. Bildquelle 4: Kurz vor Einführung der Währungsreform in Berlin gaben die Menschen das alte Geld nur noch für Zeitungen aus.



   

In Berlin, so betonte der Bohnsdorfer Onkel genüsslich, blieb der SED bei diesen Wahlen der Erfolg versagt und ein bürgerliches Stadtregiment, der Magistrat von Groß Berlin, bestehend aus einer SPD/CDU Koalition, leitete seitdem die örtlichen Geschicke der Vier-Sektoren Stadt. Trotzdem, so konterte Alwins Vater, erhielt die in die Minderheit geratene SED aus Rücksicht vor den in Berlin mitregierenden sowjetischen Alliierten immerhin ein für Arbeit und Soziales zuständiges Stadtratsamt.

Als Alwins Vater also am Morgen des 19. Juni 1948 wie immer sein ND aufschlug, las er von der widerrechtlichen einseitigen Einführung einer Spalterwährung in den Westzonen Deutschlands durch die Westmächte, während im Telegraf etwas über die Einführung einer neuen stabilen Währung in den Westzonen drinstand. Von jetzt ab, so erklärten die Schwäger noch einvernehmlich, begannen sich die Ereignisse zu überstürzen und die sich zuspitzende Krise drohte aus dem Ruder zu laufen.

Alwins Vater berichtete, wie er noch am selben Tag im sowjetfreundlichen Berliner Rundfunk von der Absicht der Sowjets erfuhr, auch ihrerseits in der Sowjetzone einschließlich aller vier Sektoren Groß-Berlins eine Währungsreform durchführen zu wollen, wogegen, wie der Bohnsdorfer Onkel erneut, nicht ohne zu grinsen, ergänzte, der frei gewählte CDU/SPD-Magistrat in Aufrufen, die von den prowestlichen Tageszeitungen abgedruckt und vom RIAS gesendet wurden, protestierte. Noch eins drauf setzte die Berliner Stadtregierung, gedeckt durch ihre bürgerliche Mehrheit in der Berliner Stadtverordnetenversammlung, mit ihrer Forderung, die stabile Westwährung für Groß-Berlin, also auch für den Sowjetischen Sektor zu übernehmen.

 

Bildquelle 5: Am Tag der Währungsreform patrouillieren US-amerikanische Besatzer mit ihren armierten Jeeps durch die Straßen ihres Sektors.
Bildquelle 6: Rias verbreitet per Autoradio von Sowjets und SED-Funktionären unbeeinflusste Informationen.

 

Mit diesem unerhörten Ansinnen stellte der Magistrat sich jetzt offen gegen die in der Ostzone und im Ostsektor Berlins herrschenden sowjetischen Besatzer, bei denen, angesichts einer solch offenen Brüskierung, wie Alwins Vater hervorhob, zurecht das Blut hoch zukochen begann. Jetzt hing alles vom Verhalten der US Militärregierung (OMGUS) ab. Würde sie, so versuchte es Alwins Vater jetzt wirkungsvoll spannend zu machen, ihr Versprechen an die sowjetischen Verbündeten einhalten und Berlin von der westlichen Währungsreform aussparen? Würde man sich vielleicht doch noch am Ende auf eine Berliner Sonderwährung verständigen können?

Der Bohnsdorfer Onkel erinnerte bei dieser Gelegenheit an den in diesen Wochen und Monaten mit mehreren Lautsprecherwagen durch die Westsektoren fahrenden Sender RIAS, der noch am 22. Juni 1948 über eine turnusmäßige Sitzung des für die Finanzpolitik der vier Siegermächte zuständigen und noch tätigen Direktoriums berichtete, auf der westliche Vertreter erklärt hatten, sie würden die Einbeziehung ihrer Berliner Westsektoren in die von den Sowjets geplante Währungsreform für die gesamte Stadt nicht akzeptieren. Der Onkel wusste das Datum deshalb so genau, weil an diesem Tag sieben Jahre zuvor die Wehrmacht ihren Angriff auf die Sowjetunion begonnen hatte.

Am darauf folgenden Tag erfuhr dann der eine im Zentralorgan der SED vom Wortbruch der Amerikaner gegenüber den sowjetischen Alliierten, Groß-Berlin von der Währungsreform auszusparen, und der andere im von den Briten beaufsichtigten Telegraf von dem standhaften Willen der Amerikaner, wenigstens die Westsektoren in die wirtschaftliche Neuordnung Westdeutschlands einzubeziehen. Da standen sie nun schwarz gedruckt auf weißem Papier – zwei Wahrheiten und farbig gedruckt zwei Währungen für eine Stadt.

Unstrittig, nur jeweils anders mit Worten ausgeschmückt, hatten die Amerikaner über Nacht damit begonnen, die (West-) Deutsche Mark, mit einem B-Aufdruck versehen, als alleingültiges Zahlungsmittel auch in den drei Berliner Westsektoren entgegen vorheriger, den einstigen sowjetischen Verbündeten gegenüber gemachter anders lautender Zusagen einzuführen, was die Sowjets wiederum veranlasste, in ihrer Zone und in ihrem Berliner Sektor sofort nachzuziehen.

 

Bildquelle 7: Ein neuer, aus den USA stammender DM Schein mit einen für Berlin geltenden B Aufdruck Bildquelle 8: Ein mit einem Kupon (-10- 1948) versehener alter Reichsmarkschein, jetzt DM (Ost)
   
Der sich daran anschließende Schlagabtausch zwischen den beiden Großmächten transportierte den schon anderswo begonnenen und bis dahin von Berlin noch ferngehaltenen Kalten Krieg nun auch in die ehemalige Reichshauptstadt. Erst einmal erhielten die in den westlichen Stadtbezirken Berlins wohnenden Einwohner pro Kopf 60 DM-West 1:1, alles andere 10:1 gegen die alten wertlos gewordenen Reichsmarkscheine umgetauscht. Alwins Vater bezichtigte die Amerikaner der Begünstigung der von ihnen angeblich doch so bekämpften, am Krieg schuldigen Kapitalgesellschaften. Sie erhielten demzufolge im Westen die Möglichkeit, in ihren Eröffnungsbilanzen ihre Kriegs- und Nachkriegsgewinne 1:1, 1:3 oder sogar 1:10 umzuwerten. (1)
   
Bildquelle 9: Schlangen an den Wechselstuben nach Einführung der Westwährung im westlichen Teil Berlins hier am im britischen Sektor gelegenen Charlottenburger Wittenbergplatz, um in den Besitz der neuen harten Westwährung zu gelangen. Bildquelle 10: Schon einen Tag später fanden Polizeirazzien wie hier in der im amerikanischen Sektor gelegenen Kreuzberger Bergmannstraße gegen den illegalen Schwarzmarkthandel mit dem neuen Westgeld statt.
   

Am nächsten Tag konnten dann auch Alwins Vater und seine in den östlichen Stadtbezirken wohnenden Mitbürger 70 DM-Ost 1:1, den Rest 10 RM gegen 1 DM-Ost umtauschen. Das, was nun folgte, bewerteten beide Schwäger plötzlich völlig entgegengesetzt. Als am 24. Juni die Sowjets die Zufahrtswege von und nach Berlin in die Westzonen und umgekehrt sperrten, geschah dies nach Alwins Vaters und östlicher offizieller Sicht, um ein massenhaftes, unkontrolliertes Einsickern wertlos gewordener Reichsmarkscheine in die Ostzone und damit eine Inflation zu verhindern. Miete, Strom und Gas konnten vorerst nämlich noch auch in den Westsektoren mit alten Scheinen bezahlt werden.

Tatsächlich behielten im Gegensatz zu der in den USA gedruckten (West) Deutschen Mark die Menschen östlich von Elbe und Werra die alten, nur mit einem Kupon versehenen Reichsmarkscheine noch eine zeitlang als Zahlungsmittel, bis dann einige Wochen später auch dort völlig neue Geldscheine in den Umlauf kamen.

 

Bildquelle 11: In kürzester Zeit mussten die alten jetzt völlig wertlos gewordenen Reichsmarkscheine mit einem Kupon beklebt werden, um die Wirtschaft in der Ostzone durch das jetzt vom Westen in den Osten hineinflutende alte Geld nicht völlig zum Erliegen zu bringen. Bildquelle 12: Schlangen auch vor den Ost-Berliner Geldinstituten wie hier im Berliner Stadtkontor in Mitte, wo die Leute unter Beobachtung sowjetischer Besatzer ihre Kupon Mark abholen können.

   

Der Onkel sprach dagegen von einer Blockade mit dem Ziel, die Westmächte aus Berlin herauszudrängen und die Bewohner der Westsektoren in den sowjetzonalen Machtbereich gegen ihren Willen hineinzuzwingen. Einigkeit bestand hingegen bei beiden sich freundlich gesinnten Widersachern, dass der sehr brüchig gewordene Frieden von da ab an einem seidenen Faden hing und es nicht viel fehlte, damit der inzwischen anderswo schon ausgebrochene Kalte Krieg in einen heißen auszuarten drohte.

Da niemand die Variante des anderen akzeptieren wollte, stritt man sich jetzt allgemein um die Rechtmäßigkeit des Handelns beider Großmächte und besonders um die Frage, wer zuerst angefangen hatte, die alliierten Beschlüsse zu verletzen. Die sonst sehr geduldig zuhörenden Familienmitglieder kommentierten diese unterschiedliche Sichtweise zumeist mit dem Hinweis auf den uralten Streit über das Erstauftauchen von Henne oder Ei?

Schließlich räumte Alwins Vater ein, dass seine sowjetischen Freunde mit der sicher nicht unriskanten Blockade West-Berlins, den Westmächten ihren unmissverständlichen Willen kundtun wollten, nicht widerstandslos hinzunehmen, wie sich durch diesen einseitigen wirtschaftlichen Abspaltungsschritt in ihrem Pelz eine Laus festsetzte, auf die sie keinen direkten Zugriff mehr haben würden.

Mit ihrer Blockade der Straßen- und Schienenwege testeten sie gleichzeitig erstmalig die Standfestigkeit des Westens in Bezug auf ihr Berlin-Engagement. Alwins Vater fragte seinen an dieser Stelle zu einer Antwort drängenden Bohnsdorfer Schwager, ob denn die Amerikaner in einem umgekehrten Fall etwa anders gehandelt hätten?

Der so schnell nicht aus der Reserve zu lockende Schwager verwies auf einen kleinen, aber, wie er hervorhob, sehr feinen Unterschied. Während die Sowjetrussen bei fast allem, was sie in Deutschland taten, gegen den Willen einer großen Bevölkerungsmehrheit handelten, wussten die US-Amerikaner bei ihrem Tun die Mehrheit der meisten Politiker und Menschen hinter sich. An dieser Stelle des Gesprächs erinnerten einiger Familienmitglieder, die seinerzeit in der Innenstadt arbeiteten, an ein in den Folgetagen einsetzendes ununterbrochenes Flugdröhnen über der Stadt, das sie von den erst drei Jahre zurückliegenden Bombenangriffen her noch gut kannten.

Jetzt flogen teilweise die selben Bomberpiloten von Westdeutschland aus über zwölf Monate lang im Dreiminutentakt wieder Berlin an, um die Stadt diesmal nicht mit Bomben und Luftminen heimzusuchen, sondern um die eingeschlossenen West-Berliner mit Lebensmitteln, Brennstoffen und Wirtschaftsgütern zu versorgen. Wäre damals ein westalliiertes Flugzeug beschossen worden, hätte dies nach einhelliger Ansicht aller Anwesenden das Ende Europas bedeuten können.

 











Bildquelle 13: Der Verkehr zwischen den Westsektoren Berlins und Westdeutschland kam fast ein Jahr zum erliegen. Der Westteil Berlins blieb ein knappes Jahr von allen Warenlieferungen per Land und Schiene aus den Westzonen abgeschnitten. Bildquelle 14: Ein „Rosinenbomber“ im Anflug auf den im amerikanischen Sektor gelegenen Flughafen Berlin- Tempelhof. Die Luftbrücke versorgte die Westberliner notdürftig mit allen lebensnotwendigen Waren und Gütern.
   

Die Amerikaner pokerten damals, wie der Bohnsdorfer Onkel ohne Umschweife zugab, sehr hoch und gewannen schließlich in doppelter Hinsicht das Spiel. Ein Teil Berlins blieb ein westlicher Vorposten inmitten des sowjetischen Machtbereichs und es gelang den Westmächten vor allem durch die so genannte Luftbrücke, sich bei den dortigen Bewohnern von Besatzern zu Beschützern zu mausern. Während Alwins Vater in der Währungsreform den wirtschaftlichen Auftakt für die politische Teilung seiner Heimatstadt sah, an der die US-Amerikaner die Hauptschuld trugen, freute sich sein Schwager über deren Festigkeit, dem sowjetischen Druck nicht nachgegeben, sondern die Berliner Festung, wie er das nannte, gehalten zu haben.

Als erste politisch schwerwiegende Folge der Währungsspaltung zog laut Erzählungen von Alwins Vater der parteilose stellvertretende Polizeipräsident Dr. Johannes Stumm mit seinen Getreuen im Juli 1948 in das gerade wiederhergestellte und jetzt als neues Polizeipräsidium dienende Gebäude der ehemaligen Polizeikaserne in der im amerikanischen Sektor gelegenen Kreuzberger Friesenstraße um und bildete dort eine eigene, nur noch für die Westsektoren zuständige Polizeiverwaltung. Von jetzt an suchte die Polizei im Ost- und Westteil, vor allem aber im Sowjetsektor, frisches, der neuen Ordnung treu ergebenes Personal. So warben SED-Genossen den gerade eine neue Arbeit suchenden Vater von Alwin für den Eintritt in die Verkehrspolizei.

 

                                    

links Bildquelle 15: Die innen neu ausgebaute ehemalige Polizeikaserne in der Kreuzberger Friesenstraße diente nach der Spaltung der Berliner Polizei im Juli 1948 provisorisch als Polizeipräsidium für die drei westlichen Sektoren Berlins bis Polizeipräsident Dr. Johannes Stumm  Ende 1952  in das neue Gebäude des heute noch bestehenden Berliner Polizeipräsidiums am Platz der Luftbrücke 6 umzog.
mitte Bildquelle 16: Ab Februar 1947 gab es bei der Berliner Polizei Käfer als Funkwagen, die zuerst im amerikanischen Sektor zum Einsatz kamen. Das Bild zeigt den Funkstreifenwagen im Jahr 1964 vor dem U-Bahnhof  Wittenbergplatz.
rechts Bildquelle 17: Das nach dem überraschendne Umzug der prowestlichen Polizeiangehörigen nur noch für den Ostsektor zuständige Präsidium der Volkspolizei am Alexanderplatz in Mitte

   

Zunächst versuchte der Angeworbene dieses Ansinnen mit dem Hinweis abzuwehren, sein geringer Körperwuchs vertrüge sich nicht mit der Länge des Gummiknüppels und bürge somit die Gefahr in sich, statt einer Respekt einflößenden Person, eher eine Witzfigur abzugeben, was dem Ansehen der neuen Polizei sicherlich nicht förderlich gewesen wäre. Die Werber gaben sich mit dieser Ausrede jedoch nicht zufrieden.

Sie fütterten ihn mit dem Argument an, dass seine große politische Erfahrung, seine Zuverlässigkeit und seine praktischen Kenntnisse als Militär- und Berufskraftfahrer während des Krieges um ein Vielfaches den vermeintlichen Nachteil seiner geringen Körpergröße aufwiegen würden. Obwohl dem Umworbenen die Sache trotz oder gerade wegen der Lobhudelei nicht so recht geheuer vorkam, ließ er sich dann doch breitschlagen, bei den Verkehrshütern mitzumischen.

Bei der Darstellung und Bewertung der nachfolgenden dramatischen Ereignisse der politischen Teilung Berlins kochte der Streit in Bohnsdorf erneut noch einmal hoch. Alwins Vater sprach immer von den Spaltern in der Berliner Stadtverordnetenversammlung und im Magistrat, die aus Furcht vor dem öffentlich vorgetragenen Zorn der Bevölkerung über die widerrechtliche Währungsteilung im Herbst 1948 das Weite in weiter westlich gelegnen Gefilden gesucht hatten.

Seiner Meinung nach wollten seine ehemaligen, inzwischen offen ins Lager der Feinde der neuen Ordnung übergelaufenen sozialdemokratischen Führungsgenossen in Berlin-Charlottenburg zusammen mit den anderen rückwärtsgewandten Kräften aus CDU und LDPD ihre volksfeindliche Politik unter dem Schutz der britischen Besatzungsmacht nunmehr ungestörter fortsetzen. Um ihren Anspruch, für ganz Berlin zu handeln, zu bekräftigen, ließen sie am neuen Tagungsort publikumswirksam für alle abwesenden SED-Fraktionskollegen leer bleibende Stühle aufstellen.

Der Bohnsdorfer Onkel stritt selbstverständlich die mehrfachen tumultartigen Demonstrationen am Sitz des Magistrats, dem Neuen Stadthaus, in der im Ostsektor gelegenen Parochialstraße nicht ab und gab auch zu, dass auf den Transparenten Losungen, wie die folgende standen: „Berlin liegt in der Ostzone, darum Währungseinheit.“ Er fragte jedoch seinen Schwager mit einem viel sagenden Grinsen, ob er denn bei den von seiner SED-Führung organisierten putschähnlichen Tumulten vielleicht nicht auch mitgemischt habe und ob es dabei wirklich nur um den Erhalt einer einheitlichen Gesamtberliner Währung gegangen wäre?

Als schon während seiner Frage auch über das Gesicht von Alwins Vater ein schelmisches Lächeln huschte, gab es für den Gegenspieler im Wortgefecht nicht die Spur eines Zweifels mehr, dass es sich bei den krawallartigen Demonstrationen um gewaltsame Behinderungen der Regierungs- und Parlamentsarbeit des, wie er hervorhob, frei und rechtmäßig gewählten CDU-SPD-Magistrats und der Stadtverordnetenversammlung handelte. Diese Behinderungen hatten seiner Ansicht nach am 6. September zum Umzug der bürgerlichen Mehrheit der Stadtverordneten in den britischen Sektor Berlins geführt, wohin Mitte Oktober auch die nichtkommunistischen Magistratsmitglieder nachfolgten.

 

Bildquelle 18: Von Einheitssozialisten organisierte Massendemonstration am 6.9.1948 gegen die durch die Währungsreform und Polizeiteilung vollzogene Spaltung Berlins vor dem Neuen Stadthaus in der Parochialstraße in Mitte


Bildquelle 19: Massendemonstration von hunderttausenden Berlinern aus allen Teilen der Stadt gegen die sowjetische Blockade West-Berlins und für den Verbleib der Westmächte in den Berliner Westsektoren. Danach kam es am Brandenburger Tor zu Ausschreitungen zwischen der Markgraf-Polizei und Demonstranten, bei denen ein Demonstrant zu Tode kam und mehrere verletzt wurden.
   

Die Stichworte Krawall, Tumult und gewaltsam ließ Alwins Vater wiederum nicht unwidersprochen auf sich sitzen, ohne sofort Beispiele anzuführen, die die Gegenseite in ein mindestens genauso schlechtes Licht rückte. Er erzählte von gewaltsamen Übergriffen Westberliner Übeltäter auf Einrichtungen der unter sowjetischer Verwaltung stehenden auch durch Westberlin fahrenden S-Bahn anlässlich der von einer spalterischen, so genannten unabhängigen Gewerkschaftsorganisation (UGO) angezettelten Streikaktionen gegen die in Ostberlin sitzende Reichsbahndirektion.

Mit ihren Forderungen nach Bezahlung der in den Westsektoren wohnenden Reichsbahnangestellten in Westgeld wollten diese Leute den noch bis zum Frühsommer 1948 in ganz Berlin tätigen Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) bloßstellen und auch im gewerkschaftlichen Bereich eine Spaltung herbeiführen. Nach Ansicht von Alwins Vater gefährdeten diese ebenso von langer Hand vorbereiteten wie gut organisierten und dann als spontane Willensbekundungen ausgegebenen Gewaltakte gegen die Sicherheit eines für die Stadt so wichtigen Verkehrsmittels die körperliche Unversehrtheit des Bahnpersonals einschließlich der Fahrgäste.

Der Bohnsdorfer Onkel parierte solche Vorwürfe sogleich mit Berichten über lebensbedrohliche Ausschreitungen von Ostberliner Volkspolizisten nach einer großen Massenveranstaltung vor dem Reichstagsgebäude am 9. September 1948 auf dem kurz hinter der Sektorengrenze gelegenen Platz der Republik. Dort waren hunderttausende Berliner aus allen Stadtteilen einschließlich des Ostteils zusammengeströmt. um einer später berühmt gewordenen Ansprache des ein Jahr zuvor zwar von einer Mehrheit der Stadtverordneten gewählten, aber von den Sowjets seiner Zeit abgelehnten sozialdemokratischen Oberbürgermeisters von Groß-Berlin Ernst Reuter zuzuhören.

Der bis dahin an seiner Amtsausübung gehinderte Oberbürgermeister Reuter hatte, wie der Bohnsdorfer Onkel überschwänglich hervorhob, in flammenden Worten für den Erhalt der Freiheit und Eigenständigkeit Berlins von den Verhältnissen der umliegenden Sowjetzone geworben und abschließend den um die Welt gehenden Satz gesprochen: „Ihr Völker der Welt, Ihr Völker Amerikas, Englands und Frankreichs, schaut auf diese Stadt und wisset, dass ihr diese Stadt nicht preisgeben dürft, nicht preisgeben könnt.“

Nach der Kundgebung war es dann am Brandenburger Tor zu Ausschreitungen gekommen, in deren Folge Volkspolizisten auf Befehl des ehemaligen Stumm-Stellvertreters und seit dem Sommer nur noch für den sowjetischen Sektor zuständigen Polizeipräsidenten Paul Markgraf das Feuer auf Demonstrationsteilnehmer eröffnet hatten, die nach der Kundgebung massenhaft und damit von den Vopos nicht mehr kontrollierbar zurück nach Hause in den Ostsektor drängten.

Die unterschiedlichen Sichtweisen der beiden Streithähne fanden auch in den gänzlich entgegen gesetzten Pressemitteilungen dieser Wochen ihren sichtbaren Ausdruck. So las Anfang Dezember 1948 Alwins Vater im ND eine groß aufgemachte Meldung über die Schaffung eines neuen demokratischen Magistrats von Groß-Berlin, während die Westzeitungen mit großen Schlagzeilen über die Bildung eines SED-hörigen, nur für den Ostssektor von Berlin zuständigen und vor allem nicht durch freie, geheime Wahlen ins Recht gesetzten Scheinmagistrats herauskamen.

(1) vgl: Jörg Roesler, Zwei Währungsreformen im besetzten Deutschland. In: Utopie kreativ, Heft 215, 2008, S. 818-827
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Bildquelle 14: United States Air Force Historical Research Agency via Cees Steijger (1991), "A History of USAFE", Voyageur, ISBN: 1853100757; USAF photo C-54_landing_at_Tempelhof_1948.jpg
Bildquelle 15: Polizeihistorische Sammlung beim Polizeipräsidenten in Berlin
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Bildquelle 18: http://www.dra.de/rundfunkgeschichte/75jahreradio/neubeginn/kalterkrieg/inhalt_sprengung.html , Foto: Deutsches Historisches Museum, Berlin
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 Rudolf Reddig

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