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 Ein geordnetes Staatswesen kennt viel Armut und wenig Bedürftigkeit.  
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 Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts

Der erste große Sündenfall ereilte die deutsche Sozialdemokratie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er geschah, als ihre Abgeordneten – entgegen den Antikriegsbeschlüssen der Kongresse der II. Sozialistischen Internationalen von Stuttgart (1907) und Basel (1912) – Anfang August 1914 im Reichstag der Bewilligung der Kredite zur Führung des Ersten Weltkrieges einstimmig zustimmten. Die damals zahlenmäßig stärkste sozialdemokratische Reichstagsfraktion tat das hauptsächlich aus Angst vor einer drohenden Beschlagnahme ihrer Parteikasse, die bei einer Ablehnung der Kriegskredite und einem darauf folgenden Parteiverbot mit großer Wahrscheinlichkeit ins Haus gestanden hätte. (1) Dieses Einknicken vor den Kriegstreibern hatte weit reichende Folgen.

 
Bildquelle 1: Vorwärts vom 1.8.1914 mit einem Aufruf des Parteivorstandes der SPD, der die Massen auf die Burgfriedenspolitik mit den kriegstreibenden Imperialisten einstimmen sollte. Darin heißt es unter anderem: „Waren unsere ernsten Proteste, unsere immer wiederholten Bemühungen erfolglos, sind die Verhältnisse, unter denen wir leben, noch einmal stärker gewesen als unser und unserer Arbeiterbrüder Wille , so müssen wir jetzt dem, was kommen mag, mit Festigkeit ins Auge sehen.“ Ähnliches kann man heute manchmal auch etwas abgewandelt bei manchen Linken lesen.   Bildquelle 2: Plakat der SPD, mit der sie ihren Übertritt ins Lager der Herrschenden mit Bebel zu begründen sucht. Der hatte einmal wegen der Erfahrungen mit der Niederschlagung der 1848 Revolution durch zaristisch russische Truppen erklärt, dass er trotz seiner rigorosen Ablehnung eines von den Imperialisten angezettelten Krieges bei einem Angriff des zaristischen Russland auf das Reich, selbst einen Karabiner in die Hand nehmen würde, um die eigenen Errungenschaften zu verteidigen. Russland hatte tatsächlich zuerst den Krieg erklärt und war am 1.8.1914 in Ostpreußen eingefallen.

Seinerzeit verfügten die Deutschen noch über ein „geordnetes“ Staatswesen, in dem es viele Arme und wenig Hilfsbedürftige gab. „Viele Arme“ meint hier Millionen von Menschen, die ärmlich, jedoch aus Sicht der meisten Herrschenden hinreichend und aus eigener Kraft ihr Leben mehr schlecht als recht fristen mussten. „Wenig Hilfsbedürftige“ bedeutet, staatliche und private Unterstützung hauptsächlich nur für Invaliden und sonstige Arbeitsunfähige. (2) Unternehmer konnten als „Herren im Hause“ nach Gutdünken schalten und walten, weil Gewerkschaften noch über keine allgemein gesellschaftlich anerkannten Arbeitskampfmittel verfügten. Wenn die abhängig Beschäftigten doch einmal für den 8-Stunden-Tag und menschenwürdigere Löhne auf der Straße demonstrierten oder gar vor den Werktoren streikten, zogen schnell herbeigerufene berittene Polizisten schon mal ihre Säbel blank, um Ruhe und Ordnung wiederherzustellen.

Für die damaligen Reichen und Schönen waren die Zustände „in Ordnung“. Diese Machtverhältnisse brachten den Deutschen allerdings keine - wie versprochen - goldenen Zeiten. Der unstillbare Machthunger Weltaufteilungswahn adliger und großbürgerlicher „Ehrwürdigkeiten“, ihr unstillbarer Drang nach größtmöglicher Kapitalverwertung führte vielmehr zum Gegenteil. Die Welt versank vier lange Jahre in einem millionenfachen mörderischen Völkergemetzel, dem Ersten Weltkrieg.

Nicht zuletzt deswegen hatten sich die europäischen Sozialisten – getreu den schon oben erwähnten Antikriegsbeschlüssen von Stuttgart und Basel – verpflichtet, bei einem von diesen Herrschaften angezettelten Weltkrieg die an die vielen Arbeitermassen ausgeteilten Waffen einfach umzudrehen und damit das eigene „Kruppzeug“ davon zu jagen. Leider fielen die inzwischen staatstreu gewandelten sozialdemokratischen Führer um, als es darauf ankam, dagegenzuhalten. Sie verrieten einen ihrer ureigensten Grundsätze – das Eintreten für Völkerverständigung, so dass Kaiser Wilhelm II. bei Ausbruch der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts ohne Not erklären konnte, keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche zu kennen.

 
Bildquelle 3: Einladung zur Konferenz in Gotha, auf der die USPD im April 1917 gegründet wurde. Diese Partei wirkte als linke Abspaltung von der SPD bis 1924 und kehrte dann teilweise wieder in den Schoß der SPD zurück. Der andere Teil vereinigte sich mit der KPD.   Bildquelle 4: Karl Liebknecht Plakat, das den Revolutionär und konsequenten Kriegsgegner auf einer Kundgebung im Berliner Tiergarten im Dezember 1918 zeigt und für den Eintritt in die KPD wirbt, die am 30./31.12. 1918 im Preußischen Abgeordnetenhaus gegründet wurde.

Die Burgfriedenspolitik der SPD mit den Kriegstreibern führte folgerichtig 1916 zur linken Abspaltung von ihr, der Gründung der USPD sowie innerhalb dieser 1917 zur Bildung der Spartakusgruppe, aus der schließlich über den Spartakusbund nach Kriegsende am 30./31. Dezember 1918 die KPD hervorging. Die revolutionären Eiferer in dieser anfänglich radikal linken Partei wähnten sich nun wieder bei Marx, ohne zu ahnen, dass ihre Sache bald schon tödlich verletzt sein würde, noch bevor sie nach verlustreichen Kämpfen, unsäglichen Quälereien und millionenfachen Opfern im Gebiet zwischen Ostseeküste und Mittelgebirgen 30 Jahre später Wirklichkeit werden sollte.

Der Versuch, verschiedenartige Lebenswirklichkeiten mehr oder weniger gewaltsam in ein dogmatisch ausgelegtes Ideenkonstrukt hineinzuzwängen und durch eine zu wenig wirkungsvolle und unwirksame Zentralverwaltungswirtschaft soziale Entwicklung zu ermöglichen, brachte den Deutschen, an denen das Konzept ausprobiert wurde, 40 Jahre lang wenig Freiheit, viel Mangel und letztlich viele vergebliche Mühen. Der nur kurzzeitig in Ansätzen vorankommende gesellschaftliche Aufbruch erzeugte keine beständige, wirtschaftlich sich selbst tragende soziale Sicherheit. Den Deutschen aber, die im Westen von dem von Anfang an vielfach umstrittenen Experiment verschont blieben, verhalf es wenigstens indirekt durch die damit verbundene soziale Herausforderung mehrheitlich zu einem Maß an Freiheitsrechten und Wohlstand, der in der deutschen Geschichte bis dato seinesgleichen suchte.

Das geschah selbstverständlich auch dort nicht im Selbstlauf, sondern im Ergebnis von vielerlei vor allem Arbeitskämpfen. Um aber von vornherein Nachahmungseffekte des ohne Zweifel stark verbesserungswürdigen Gegenmodells auszuschließen, fanden sich die im Westen weiterhin Herrschenden zu nicht unerheblichen allgemeinwohlnützlichen Kompromissen bereit.

(1) Chronik der deutschen Sozialdemokratie / Franz Osterroth ; Dieter Schuster. - [Electronic ed.]. - Berlin [u.a.] 1. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. 2., neu bearb. und erw. Aufl. 1975. Electronic ed.: Bonn : FES Library, 2001, Stichtag: 30. Juli 1914, „Der Parteivorstand beschließt, F. Ebert und 0. Braun mit der Parteikasse in die Schweiz zu schicken, da er bei Kriegsausbruch mit einem Verbot der Partei rechnet.“
(2) Vgl.: Staatsarchiv Hamburg, 351-2 I Allgemeine Armenanstalt I, Nr. 1 Materialien zur Neuen Armenordnung 1786–1788
Bildquelle 1: http://www.zlb.de/projekte/millennium/original_html/vorwaerts_1914_0108.GIF.html
Bildquelle 2: http://www.preussen-chronik.de/bild_jsp/key=bild_960.html
Bildquelle 3: http://de.wikipedia.org/wiki/Unabh%C3%A4ngige_Sozialdemokratische_Partei_Deutschlands / Urheber Hugo Haase / Lizenz gemeinfrei, da keine Schöpfungshöhe
Bildquelle 4: http://www.dhm.de/lemo/html/weimar/revolution/spartakus/index.html

 Rudolf Reddig

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